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Wed Nov 13 10:10:14 CET 2019hhh
Irgendwo übernachtet

Februar 1998. Ausstellung im Garten und Innenraum der Galerie für Landschaftskunst.

Ein Stück gewöhnlicher Landschaft ist in den Garten der Galerie für Landschaftskunst versetzt. Eine Koppel mit einem Viehzaun aus Eichenpfosten und Draht. Der Zaun hat einen Durchgang, wie man ihn häufig für öffentliche Pfade baut, die über Farmland führen: eine türlose Öffnung, die von einem Lattenwinkel derart eingefasst ist, dass sich zwar ein Mensch durch die enge Wegkrümmung bewegen kann, nicht aber ein größeres Tier wie ein Rind oder Pferd. Jemandem, der viel über Land geht, ist so eine Wegmarke vertraut.

 

Im Hintergrund steht der Gartenschuppen der Gflk. Von einer schwachen Glühbirne beleuchtet hängen dort Papierblätter mit Auszügen aus Reisetagebüchern Daniel Maier-Reimers aus Pakistan, China, Kasachstan und Sibirien. Über einen Lautsprecher hört man vage Geräusche wie Stimmengewirr und LKW-Motoren, aufgenommen während dieser Reisen.

 

Parallel werden im Innenraum der Gflk Fotos Daniel Maier-Reimers zu verschiedenen Reisen gezeigt: "Biskaya, 1993". "Lilla Lule Älven, Schweden, 1991". "Trout River, NWT, Kanada, 1994". "Stora Lule Vatten, Schweden, 1990". "Lilla Lule Älven, Schweden, 1991". "Vorderrhein, Schweiz, 1993". "Yangzekiang, Shanghai, China, 1996". "Salween, Yunnan, China, 1996". "Salween, Yunnan, China, 1996". "Yangzekiang, Tibet, 1996".

 

Die Tagebuchtexte aus der Hütte:

Von Kindern aufgeweckt und dem Geruch von gebratenem Huhn, das ein Soldat zum Frühstück ißt. Einer alten Dame im Nebenwaggon zufolge seien alle Menschen in Tuva Räuber, die Landschaft jedoch wunderbar. Uhr um 2 Std. weiter gestellt. Den Irtysh überquert. Auf dem Markt eingekauft, mit den letzten 7000 Rubeln Smetana.

 

Zug fährt wider Erwarten nach Bischkek.

 

Von Tachen Nachtbus nach Ürumqi genommen, hoffe ich. Busfahrt nach Gilgit.

 

Am Ufer Wasserbüffel in Rawalpindi, Kamele und Hunderte von aufwendig verzierten Lastwagen. Nach einer halben Stunde übergibt ein Mädchen aus dem Fenster, 3 Reihen weiter fehlt die Scheibe und alles fliegt wieder rein, volle Ladung, habe Leute noch nie so schnell von den Sitzen springen sehen. Alles total verdreckt. Große Streiterei, wer das wieder wegmacht.

 

Später das gleiche hinter mir.

 

Übernachtet im Bus, um 3 Uhr zum Kontrollpunkt. Um 8 in Gilgit (17 Std.). Sonnenaufgang wunderschön zwischen Chilas und Gilgit. Indus

 

Wäsche gewaschen und geduscht. Die verlorene Nacht holt mich wieder ein. Apathisch liege ich auf dem Bett herum. Vorher noch im Dorf recht gut (das Übliche: Hammel und Chapatti) gegessen.

 

Ich sitze beim Frühstück und fahre heute mit dem Bus ab. Meine geistige Verfassung ist gut, die meines Magens nicht. Ich weiß nicht, wie Yecheng aussehen wird und ich mit ihm, aber ich denke, es kann nur besser werden.

 

Am Truckstop in Yecheng angelangt, morgen fährt keiner durch Aksai Chin. Die ersten 6 Filme aus Kashgar abgeschickt. Es sieht aus, als ob ich doch noch morgen wegkomme. Auf tibetischen Lastwagen hinten mitgefahren bis zu einem Ort, wo ich Tsampa gekriegt habe. Wüste. Dann noch mit alter chinesischer Karre bis 10 km vor Ali. Rest zu Fuß, kurz vor dem Ort Zelt aufgeschlagen. Die Sonne brennt und abgesehen von dem Müll ist die Aussicht gut. jetzt habe ich genug zu essen, habe nur leider das Trinkwasser vergessen.

 

5:40 aufgestanden. Bei Mondschein Richtung Ali und durch. Bei Sonnenaufgang bereits auf der anderen Seite 5 km in der Wüste. War leider dumm, da alle LKWs vorher abbiegen und dann kreuz und quer fahren. Nach 11 Std. erster LKW. Vorher auch schon einer, aber da war ich 3 km entfernt Wasser holen. (Indus). Bloß eine Stunde mitgefahren, dann weiter zu Fuß. Schöne Stelle gefunden, am Oberlauf des Indus, Berge, Sonne, nicht zu kalt. Ich genieße die Ruhe, ohne Zeitdruck und ohne über die Schulter schauen zu müssen. Der Fluß ist schön für Trinkwasser, sonst aber zu nichts zu gebrauchen.

 

Tsampa ist doch etwas gewöhnungsbedürftig.

 

Gunsa besteht bloß aus einem Hof, vielen Yaks und ein paar ansässigen Familien. Mittlerweile mind. einen Liter Buttertee getrunken. Vor mir wird gerade eine Frau entlaust. In ein Nachbarhaus mitgenommen zum Abendessen. Riesige Menge Momos (Nudel mit Yak gefüllt). Vorher Tsampa, pur und direkt mit Löffel. Zementiert einem den Mund zu. Hat für einige Heiterkeit gesorgt.

 

Vollgefressen auf Bank geschlafen. Am nächsten Morgen mit viel Mühe die gleiche Menge Fleisch als Frühstück abwehren können.

 

Vorzeitig aufgebrochen. Ankunft in Namru um 10:30. Pferderennen. Um 16:00 mit nächsten Lastwagen nach Tholing. Mühselige Fahrt. Auf Blechkiste genau auf der Achse neben sterbenden Hühnern und Enten. Staub und Sand bis in alle Poren. Bei 5300 Höhenprobleme. Ankunft in Tholing. Anfahrt durch Canyons, Sutlej fotografiert.

 

Mount Kailash trotz total verschneiten Morgens am Mittag und Abend sehen können. Um 17:00 wieder auf der Straße. Jetzt ist es 20:00 Uhr und zum Laufen habe ich keine Lust mehr. Ich habe einen schönen Platz, dem Wind u nd den Blicken n icht so sonderlich stark ausgesetzt und wenn das so weitergeht, kann ich gleich auch noch den anderen Berg gegenüber sehen, der viel höher ist als der Kailash. Ich bin fröhlich. Es wird kalt.

 

Fast bis Barga gelaufen, bei Barga den Kontrollpunkt umlaufen. Danach mit tibetischen Pilgertruck (40 Pilger auf der Ladefläche) bis kurz vor Hor. Dort bei Nomaden Buttertee und Tsampa. Dann in der Wüste übernachtet.

 

6:00 Uhr aufgestanden, um Kontrollpunkt herumgelaufen, Fluß durchquert, von gleichem LKW eingeholt und mitgenommen worden bis zum nächsten Kontrollpunkt. Wieder Fluß durchquert, riesigen Bogen gelaufen bis in die Dunkelheit. Hier ist‘s schön, aber Paryang trotzdem viel zu weit weg. Irgendwo übernachtet. Am nächsten Morgen (mittlerweile seit fast vier Tagen nichts als Tsampa im Magen) bis nach Zhongba mitgenommen worden, währenddessen nicht weniger als 5 Motorpannen, jedoch die letzten 5 km laufen müssen. Sofort Xiaomaibu geplündert und danach ins einzige Restaurant im Dorf, drei Stunden dort geblieben. Von Generator geweckt, heute andere Bleibe gefunden (10 ¥). Gut gefrühstückt. Wäsche gewaschen und gut zu Mittag gegessen.

 

Träge und töricht den Tag verbracht.

 

Yangztse bei Yushu. Mittlerweile kann ich die Zahlen von 1-10. Mantel gekauft für 150 ¥. Weiß nicht, ob das bereits sinnvoll ist. Noch keine Mitfahrgelegenheit nach Nangqên. Mit einem Bauern auf Pferden über die Grenze. Bei Nomaden übernachtet, die Gastgeberin zählt auf mich und ihre jüngste Tochter, um für Nachwuchs zu sorgen. Scheint hier nach wie vor die selbstverständliche Aufgabe des Besuchers zu sein. Elegant aus der Affaire gezogen.

 

Nächste Nacht im Kloster in Sanmda. Bei Ankunft in der Stadt von 30 Einwohnern ungläubig angestarrt . Mit Holztransport nach Chamdo.

 

Bei Verlassen der Stadt folgen mir ein Junge und ein Mädchen fast 10 km.

 

Xiancheng ist schön.

 

5:30 aufgestanden, um Bus zu kriegen. Busfahrer nicht da. Tür wird eingetreten, um die besten Plätze zu kriegen, andere klettern durch das Fenster, der Bus wird wird schnell mit großen Mengen von Gepäck gefüllt. Als der Busfahrer kommt, stellt sich raus, daß es der falsche Bus war.

 

Jinjiang, 2 Std. für Fahrkarte nach Shanghai aufgewendet. Polizei fährt Eiskarren über den Haufen.

 

Nach sechs Std. zum Abendessen, wo mich der Chinese am Tisch mit seiner Langsamkeit an die Decke treibt.

 

Aufs Schiff nach Shanghai. „Kabine“ mit 50 Betten. Morgens das Gefühl, in einer Bahnhofshalle aufzuwachen. Wenig, aber gut geschlafen. Ankunft 5:30. Zu COSCO gegangen, aber ohne Erfolg.

 

Um 8:00 Uhr an der Grenze Bachty/Tachen. Allein auf der kasachischen Seite 3 Passkontrollen und zwei Metalltore mit erheblichen Wartezeiten. Dann ein Raum, Röntgen. Danach weiter bis zur eigentlichen Grenze 300 m über Geröll. An der Grenze zwei Schranken mit dazwischen laufenden Soldaten. Nach einer Weile fangen sie an, sich in martialischen Posen zu fotografieren und reiten zum Spaß ein Pferd halb tot. Gegen 15:30 wird gestattet, die Grenze zu übertreten (Begründung, Mittagspause sei jetzt zu Ende). Auf chinesischer Seite erst die gesundheitsbehörde. Angeblich HIV-Zertifikat vonnöten. Riesenaufstand. Durch Ignorieren zum Schalter für nationale Sicherheit. Paßkontrolle. Vier verschiedene Personen fragen mich nacheinander das Gleiche. (Zusammen mit der Gesundheitsbehörde sechs mal, wo ich herkäme.) Nach jeder Antwort wird der Paß auf's Neue begutachtet, von zweien verkehrt herum gehalten. Vorsichtshalber werden zuvor erst einmal 30 andere Personen abgefertigt. Da man nicht weiß, was man mit mir machen soll, wird auch hier mein Gepäck noch einmal geröntgt. Großes Interesse an meinem Benzinkocher, Kompaß stößt auf Begeisterung. Endlich damit fertig, kommt das Mädchen von der HIV-Anstalt angelaufen und heißt mich mitkommen. An ihrem Schalter fällt ihr wieder ein, daß sie außer Chinesisch keine andere Sprache spricht. Nach 15 Minuten kommt eine Frau, die mit der Grenzbehörde nichts zu tun hat, aber immerhin Russisch kann. Danach wird zu siebt beratschlagt und läßt mich gehen. Zu früh gefreut, denn es gibt noch den Veterinärschalter. Ich muß Paß zeigen, sagen, wo ich herkomme und beweisen, daß ich kein totes Schaf o. ä. bei mir habe. Damit durch, kommt der Typ vom Röntgen wieder an, ihm sei eingefallen, daß ich ja eine Kamera dabei hätte. Ich soll auf einen Zettel die Menge der mitgeführten Kameras angeben, schreibe die Ziffer 1 und um 17:40 Uhr verlasse ich das Gebäude.

 

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