LETZTE REISEN
Audiothek für Rituale des Abschiednehmens
Ausstellung am 5.-7. und 12.-14. Oktober 2007 im Silberraum auf der Schute
Öffnungszeiten: Freitags bis Sonntags jeweils von 12.00 bis 18.00 Uhr
"Das Leben der Großstadt wirkt so, als ob niemand stirbt."
(Philippe Aries, Studien zur Geschichte des Todes im Abendland)
Die Berliner Künstlerin Jelka Plate geht bei ihrer Ausstellung "Letzte Reisen" in Form von Interviews der Frage nach, welche Rituale Religionen und Kulturen im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer entwickelt haben, wie sich diese in einer modernen Gesellschaft verändern und wie sie sich einem fremden Umfeld Not gedrungen anpassen. In Berlin führte sie Gespräche mit Personen, die entweder beruflich mit dem Themenkomplex Sterben, Tod und Trauer zu tun haben oder sich zu einer Religion bekennen. In der Audiothek gibt es ein Interview mit einer evangelischen Pfarrerin über Sterbebegleitung im Krankenhaus, mit einem Moslem, der Öffentlichkeitsarbeit für die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm macht, mit einer Koreanerin, die ein interkulturelles Hospiz gegründet hat, mit einem Inder, der im Vorstand des Vereins zur Errichtung eines Hindu-Tempels in Berlin ist, mit einer Trauerrednerin, die Formen der weltlichen Trauerkultur beschreibt, mit einer Bestatterin, die auf serbisch-orthodoxe und Kinderbeisetzungen spezialisiert ist, mit dem Hallenaufseher eines Krematoriums und dem Pfarrer der Herrenhuther Brüdergemeinde, die auf böhmische Glaubensflüchtlinge im 18. Jhd. zurückgeht.
Über ihre Recherchen schreibt Jelka Plate:
Das menschliche Wissen um den eigenen Tod kann man als das Religion und Kultur stiftende Moment überhaupt bezeichnen. In der österlichen Verkündigung des Auferstehungsgedankens entsteht, in der Hoffnung auf Überwindung des Todes, christlicher Glaube. Untergegangene Kulturen wie z.B. die der Ägypter rekonstruieren wir vor allem anhand der Überreste von Stätten des Totenkults, wie die der Pyramiden. So lässt sich anhand der Beschreibung von Ritualen des Abschiednehmens auch immer etwas über die jeweilige Einstellung zum Leben ablesen. Durch den Tod eines Menschen erhält das soziale Gefüge, in dem dieser Mensch gelebt hat einen jähen Riss, ein schwarzes Loch entsteht. Die haltlose Situation der Trauer wird von der Gemeinschaft in den verbindenden und verbindlichen Ritualen aufgefangen und bietet Halt und Schutz. Philippe Aries beschreibt in seinen Studien zur Geschichte des Todes im Abendland "die Ritualisierung des Todes" als "Sonderfall der aus Verboten und Zugeständnissen bestehenden Globalstrategie des Menschen gegen die Natur. Das erklärt, warum der Tod nicht sich selbst und seiner Maßlosigkeit überlassen blieb, sondern in Zeremonien eingefangen wird und in ein Spektakel verwandelt wurde. Und es erklärt auch, warum er, statt einsames Abenteuer zu bleiben, zum öffentlichen Ereignis gemacht werden musste, das die ganze Gemeinschaft mit einbezog."
Im Zuge der Aufklärung und Säkularisierung der westlichen Gesellschaften sind religiöse Rituale stark in Frage gestellt worden und nur selten sind neue Formen an ihre Stelle getreten. Zudem hat die Industrialisierung eine Gemeinschaft geschaffen, die scheinbar keine Zeit mehr für die Auseinandersetzung mit dem Tod hat. Alexander Kluge beschreibt die Folgen dieser Zeitnot in "Maßverhältnisse des Politischen": "Wo das Leben unter Zeitnot steht, da bleibt für die Beschäftigung mit dem Tod keine Zeit. Die innere Unruhe Zeit zu nutzen, ist selber schon ein Element des Toten, des zum Gegenstand-Werdens. Doch in dem Maße, wie das Tote im Leben verdrängt wird, ist auch das Leben im Tod ignoriert, beiseite geschoben. Damit sind nicht irgendwelche Hoffnungen auf ein Leben nach dem Tode angedeutet. Vielmehr ist es das Vermögen, einen würdigen Tod als Bestandteil des Lebens anzuerkennen. Die Aufhebung der Verdrängung des Todes beginnt mit der Umgestaltung des Lebens. Wenn die Menschen keine Muße im Leben haben, also Zeitverhältnisse, die Ruhepunkte und abwegige Phantasien ermöglichen, dann werden Sterben und Tod für sie zu einem stumpfen Ende, das nichts von erfülltem Leben enthält."
Ein weiterer Aspekt im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer in einem Einwanderungsland wie Deutschland ist die Situation von Migrant/innen. Die Religionshistorikerin Gerdien Jonker beschreibt die Entscheidung für das Begräbnis in fremder Erde als "einen entscheidenden, vielleicht den entscheidenden Schritt im langen Prozess, sich an das neue Land zu gewöhnen. Wer sich entscheidet, den eigenen Körper darin zu betten, bindet die nachfolgenden Generationen an dieses Stück Erde. Wer die Wahl trifft, seine Toten im fremden Land bei sich zu behalten, erschafft sich endgültig eine neue Heimat und lockert die Bindung an die alte."
Besucher der Ausstellung "Letzte Reisen" können sich die Interviews, die jeweils ca. 25 Minuten dauern, auf CD ausleihen.
Gefördert durch das Kulturnetzwerk Neukölln e.V.


